EROS UND PSYCHE

Verfasser: Ekkehard Ortmann

I. Der Mythos

Zur Einführung in unser Thema möchte ich Ihnen in geraffter Form einen Mythos aus der antiken griechischen Götterwelt erzählen, den Mythos von Eros und Psyche:

Psyche ist eine menschliche (und das heißt hier: eine sterbliche) Prinzessin von so atemberaubender Schönheit, daß sie die Eifersucht der Liebesgöttin Aphrodite auf sich zieht. Aphrodite (= die aus dem Schaum Geborene) galt in der Antike als der Inbegriff weiblicher Schönheit und Anmut, und so unterstreicht Aphrodites Eifersucht die herausragende Schönheit Psyches nur noch deutlicher. Aphrodite duldet neben sich kein weibliches Wesen von solch herausragender Schönheit und beauftragt daher ihren Sohn Eros, den männlichen Liebesgott, die schöne Sterbliche dem Tode zu überantworten. Eros, der stets Pfeile und einen Bogen bei sich trägt, kann mit einem seiner Pfeile das Herz eines von diesem Pfeil Getroffenen in unsterblicher Liebe entbrennen lassen. Eros nähert sich Psyche aus himmlischer Höhe und erblickt sie, noch bevor sie ihn wahrnehmen kann. Von Psyches Schönheit ist er so überwältigt, daß er stolpert und sich an einem seiner eigenen Pfeile sticht. So verliebt sich Eros unsterblich in die sterbliche Psyche. Nun bringt er es nicht mehr übers Herz, Psyche auftragsgemäß dem Tode anheimzugeben.

Unterdessen begibt sich Psyche unter dem Eindruck einer Orakel-Weissagung auf eine einsame Felseninsel im Meer. In dem Orakel-Spruch heißt es, „ihre Bestimmung sei es, Beute eines Ungeheuers zu werden“ und so erwartet sie dort ihren Tod. Doch plötzlich fühlt sie sich sanft vom Wind emporgehoben und zu einem herrlichen Palast getragen.

Als es Nacht wird und Psyche müde und gerade dabei ist, einzuschlummern, kommt in der Dunkelheit ein männliches Wesen über sie, stellt sich ihr als Eros vor und eröffnet ihr, daß er ihr als Gemahl und sie ihm als Gemahlin bestimmt sei. In der Dunkelheit kann sie seine Gesichtszüge nicht erkennen, hört und spürt jedoch die Zärtlichkeit in seiner Stimme, seinen Worten und seinen Berührungen. So fügt sie sich in ihr Schicksal und gibt sich dem geheimnisvollen willig Gemahl hin. Ihr geheimnisvoller Liebhaber verschwindet wieder, als die Morgendämmerung anbricht, und nimmt ihr zuvor das Versprechen ab, daß sie niemals versuchen werde, sein Gesicht zu sehen.

Psyche genießt die Nächte mit ihrem Gemahl, der als Liebesgott ihre geheimsten Wünsche und Sehnsüchte zu erfüllen vermag. Allerdings werden ihr die Tage zusehends langweilig und so bittet sie ihren Gemahl um seine Zustimmung, ihre Schwestern in den Palast zu holen. Von nun an verbringt sie die Tage in Gesellschaft ihrer beiden Schwestern, denen sie natürlich begeistert von ihrem rätselhaften Gemahl und ihren lustvollen Liebesnächten mit ihm erzählt. Bei ihren Schwestern erregt sie damit Neid und Mißgunst und diese säen daraufhin mit ihren Reden die Saat des Argwohns: Ihr Gatte müsse ja ein scheußliches Monster sein, daß er sich so vor ihren Blicken verberge. Schließlich ist Psyche von Argwohn und Zweifel so vereinnahmt, daß sie eines Nachts entgegen ihrem Versprechen eine Öllampe entzündet und diese über das Gesicht ihres schlafenden Gatten hält. An Stelle des befürchteten abscheulichen Ungeheuers erblickt sie den schönsten aller Männer, eben den Liebesgott Eros nackt in seiner ganzen männlichen Pracht. In freudigem Erschrecken stolpert auch Psyche und verletzt sich an einem der Pfeile, die Eros jede Nacht mitsamt seinem Bogen neben dem Bett ablegt. Erst jetzt verliebt sich auch Psyche unsterblich in den jungen Gott. Bis dahin hatte sie seine Zärtlichkeit und Leidenschaft zwar genossen und ihn auch als ihren Gemahl akzeptiert, doch seine Liebe nicht wirklich erwidert. Während Psyche ihr Gleichgewicht verliert, verschüttet sie heißes Öl aus der Lampe auf den schlafenden Eros, der sofort erwacht und empört aufspringt. Eros hält Psyche den Bruch ihres Versprechens vor und verschwindet im nächsten Augenblick.

Auch der Palast löst sich vor Psyches Augen in Nichts auf, und Psyche findet sich einsam und verlassen auf der Felseninsel wieder. Zunächst will sie sich das Leben nehmen, doch dann durchwandert sie auf der Suche nach ihrem verlorenen Geliebten die ganze Welt. Von Aphrodites Zorn verfolgt und von schweren Schicksalsschlägen heimgesucht, gelingt es ihr mit der Hilfe von Naturgeschöpfen – den Ameisen, den Vögeln, dem Schilfrohr – alle Schwierigkeiten glücklich zu überstehen. Schließlich steigt sie auf der Suche nach ihrem Geliebten sogar in die Unterwelt hinab, deren Zugang eigentlich jedem Lebenden verwehrt ist.

Eros, der nie aufgehört hat, Psyche zu lieben und zu schützen, ist von der geduldigen und beharrlichen Suche seiner Gattin gerührt und bittet Zeus, Psyche zu ihm zurückkehren zu lassen. Zeus stimmt zu und verleiht Psyche die Unsterblichkeit. Aphrodite vergißt ihren Groll, und die zweite Hochzeit der beiden Liebenden wird im Olymp mit großer Freude gefeiert.

II. Die Bedeutung aus tiefenpsychologischer Sicht

Mythos als Bühne

Der Mythos ist einer Bühne vergleichbar, auf der die verschiedenen Anteile der Menschenseele durch Figuren verkörpert sind, und ihre Entwicklungsgeschichte in einem ergreifenden Drama dargestellt ist. Psyche heißt „Seele“ bzw. wörtlich „Hauch / Atem“, damit ist auch bereits die enge und untrennbare Verbindung zwischen dem Atemfluß und dem Seelenleben angedeutet.

Die weibliche Seele

Psyche ist eine Frau, die Seele wird immer weiblich dargestellt, da sie weibliche Eigenschaften aufweist: Sie ist beindruckbar und aufnahmebereit, sie kann mit etwas in ihrem Inneren schwanger gehen und es schließlich zur Welt bringen.

Psyche steht hier für die Menschenseele schlechthin, gleichgültig ob der Mensch nun ein Mann oder eine Frau ist. Allerdings nur für den Aspekt der Menschenseele, der ins Dasein gekommen ist. Im Mythos ist Psyche nämlich eine sterbliche Frau, wunderschön zwar, ja von göttlicher Schönheit, aber sterblich. Sterblich am Menschen ist der Körper. Psyche ist sich also ihres sterblichen Körpers bewußt, sie ist in Erwartung des Todes, der ja jeden menschlichen Körper zu gegebener Zeit ereilt. Im Moment der Zeugung tritt die Menschenseele aus der Ewigkeit und Unendlichkeit des Seins heraus in Raum und Zeit ein. Von nun an ist das Leben von angstvoller Todeserwartung überschattet. Das unendliche Sein – im Mythos dargestellt als Meer – tritt ins Dasein – im Mythos dargestellt als einsame Felseninsel. Erst die Menschenseele, die sich ihres göttlichen Kerns und ihrer Unsterblichkeit bewußt geworden ist, wird von dieser Angst wieder befreit sein.

Die erste Annäherung

Die erste Annäherung zwischen Eros und Psyche ist einseitig, Eros erblickt Psyche und ist von ihrer Schönheit überwältigt, doch Psyche bemerkt seine Annäherung nicht. Der göttliche Kern ist sich bewußt, daß der Mensch ins Dasein, von der Unendlichkeit in die Endlichkeit gekommen ist, und er ist von unsterblicher Liebe zu der ins irdische Dasein gekommenen Seele erfüllt. Doch umgekehrt gilt das nicht: Der Mensch in seinem irdischen Dasein ist sich seines göttlichen Ursprungs und Kerns keineswegs bewußt.

Am Anfang: Sehen und Gesehenwerden

Die Pfeile, die Eros verschießt und mit denen er die Herzen der Getroffenen in flammende Liebe versetzen kann, sind Blick-Pfeile. Sie sind ein Symbol für den Blick, der durch die Augen bis ins Innerste reicht und dort das Herz trifft. Sehen und Gesehenwerden sind von Anfang an von entscheidender Bedeutung für die Entstehung der Liebe zwischen Psyche und Eros. Psyche findet sich in einem herrlichen Palast wieder, geliebt von einem wunderbaren Liebhaber, den sie hören, spüren und fühlen, aber nicht sehen kann. Dieser Liebhaber ist göttlich, unsterblich, und kommt nur bei Nacht. Die Nacht und das Nicht-Sehen und auch Nicht-Sehen-Dürfen stehen für das Unbewußte. Die Seele ist sich ihres göttlichen Liebhabers und Beschützers nicht bewußt. Sie akzeptiert ihren Liebhaber, weil sie sich geliebt fühlt, aber sie selbst liebt ihn – noch – nicht. Damit es dazu kommen kann, muß sie ihn bei Licht gesehen haben. Die im Unbewußten wirkende göttliche Kraft muß ins Bewußtsein kommen, damit die Seele ihre Liebe erwidern kann.

Unbewußte Glückseligkeit

Psyche erfährt die Wonnen des Geliebtwerdens, wenn der göttliche Liebhaber des Nachts bei ihr ist. Diese unbewußte Glückseligkeit erlebt der Mensch wahrscheinlich vor seiner Geburt im Uterus und nach der Geburt, wenn er nach Sättigung des Hungers noch an der Mutterbrust liegend in einen eigentümlichen Zwischenzustand zwischen Wachen und Schlafen verfällt, der von der Hirnforschung als α-Zustand bezeichnet wird. Bei einem Säugling kann man dann ein glückseliges Lächeln über das Gesicht huschen sehen, während seine Augenlider halb offen und die Augäpfel nach oben verdreht sind. Das Lächeln steht in keinem erkennbaren Zusammenhang mit irgendetwas in der Außenwelt, sondern drückt ein inneres Erleben aus, einen innigen Kontakt zum göttlichen Kern oder dem Himmelreich in uns, wie Jesus das formuliert hat. Bei Erwachsenen kommt dieser sogenannte α-Zustand nur noch ganz selten vor: in tiefer Meditation oder Trance.

Zweifel als treibende Kraft für Bewußtwerdung

Doch die Menschenseele ist mit dieser unbewußt erfahrenen Glückseligkeit nicht zufrieden. Psyche wird es tagsüber langweilig. Für ihr Tagesleben (= bewußte Erfahrung) will sie Gesellschaft, Geschwister, also Kontakt zu ihresgleichen. Und mit dem Kontakt zu irdischen Menschen kommen auch Neid, Mißgunst, Argwohn und Zweifel in ihr Leben. Argwohn und Zweifel werden sogar die treibende Kraft für die Bewußtwerdung. Sie sind das im Orakel-Spruch prophezeihte Ungeheuer, dessen Beute Psyche wird. Dem denkenden Menschen reicht die glückliche Erfahrung nicht, Psyche will sich eine Vorstellung, ein Bild machen von dem, was ihr geschieht. Und so bricht sie ihr Versprechen. Sie will nicht länger nur unbewußt genießen, sie setzt alles auf´s Spiel, um Bewußtheit zu erlangen.

Ich-Bewußtsein und das Göttliche

Die Schönheit des göttlichen Geliebten ist für Psyche überwältigend: das Bewußtsein kann es nicht fassen, kann der unmittelbaren Konfrontation mit dem Göttlichen nicht standhalten. Psyche verliert ihr Gleichgewicht und verletzt sich an einem der Pfeile. Erst jetzt verliebt sich auch Psyche unsterblich in Eros. Wie zuvor schon bei Eros entsteht die unsterbliche Liebe aus einer kleinen Verletzung des Körpers, Symbol für eine Verletzung des Ich (Ego), d.h. der Vorstellungen, die wir uns von uns selbst gemacht haben. Eros verschwindet sofort und mit ihm der herrliche Palast, das Paradies, in dem Psyche so unbeschwert leben konnte. Das Göttliche entzieht sich dem, was wir mit den physischen Augen sehen können. Und Psyche ist noch sterblich, das heißt, noch sieht sie nur mit den Augen des Körpers, Psyche sieht durch die Brille ihrer beschränkten Vorstellungen, die sie sich von sich und der Welt gemacht hat (Ich bzw. Ego).

Unsterbliches Selbst kommt ins Bewußtsein

Nach dem Verlust des Geliebten und des Paradieses findet sich Psyche dort wieder, wo sie schon am Anfang war, auf der einsamen Felseninsel mitten im Meer. Diesmal will sie den Tod, sie will sterben. Der Tod erscheint ihr als Ausweg, um dem Schmerz der Trauer und der Verlassenheit zu entgehen. Aber sie stirbt nicht, es ist ja um sie geschehen: ist sie doch unsterblich verliebt, das heißt, dieser Liebe kann auch der Tod kein Ende setzen, mit dieser Liebe ist etwas von ihrem unsterblichen Selbst (Wesen) in ihr Bewußtsein gedrungen.

Langwierige Suche in der Welt

Und nun beginnt eine langdauernde Suche nach ihrem Geliebten: Überall in der Welt sucht sie nach ihm, dabei erleidet sie viele Schicksalsschläge, die ihre Geduld und Beharrlichkeit auf die Probe stellen. Naturgeschöpfe helfen ihr, weil sie diesen mit Achtung begegnet. Die natürlichen der Seele innewohnenden Kräfte wie Fleiß, Ausdauer und Genauigkeit im Kleinen (Ameisen), die Fähigkeit, die eigenen Probleme mit Abstand aus einer gedanklichen Vogelperspektive anzuschauen (Vögel) und die Fähigkeit, nachgiebig zu sein und dennoch aufrecht zu bleiben, ohne die Verwurzelung zu verlieren (Schilfrohr) helfen der Menschenseele über alle Schwierigkeiten hinweg. Sie sucht ihren Geliebten überall in der Welt, das heißt, sie sucht ihn in Zeit, Raum und Materie. Doch dort kann sie ihn nicht finden.

Psyches Schicksal: der Weg zum Geliebten

Eros, der ja nie aufgehört hat, Psyche zu lieben, verfolgt ihre beharrliche Suche aus himmlischer Höhe und greift immer wieder schützend ein, ohne daß Psyche das merkt. Auch wenn sich die göttliche Kraft dem Zugriff des Bewußtseins entzieht, leitet sie weiterhin das Geschick der geliebten Seele. Psyches Schicksal ist der Weg zurück zu ihrem Geliebten, im Schicksal werden Psyche die zu ihrer Reifung notwendigen Erfahrungen zuteil, die ihr Heilung und Heil erst ermöglichen.

Schließlich ist Psyche sogar bereit, in die Unterwelt hinabzusteigen, in das Reich des Hades, das Reich des Todes, um auch dort nach dem Geliebten zu suchen. Ihre Liebe ist stärker als ihre Angst vor Dunkelheit und Tod.

Gereiftes Urteil: Blick für das Wesentliche

Eros ist von der Stärke ihrer Liebe und ihrer geduldigen Suche tief berührt und bittet schließlich Zeus darum, daß seine Gemahlin zu ihm zurückfinden möge. Zeus steht hier für die Urteilsfähigkeit des Menschen. Die durch freud- und leidvolle Erfahrung gereifte Urteilsfähigkeit der Seele öffnet ihr den Blick für das Wesentliche. Die Seele hat gelernt, nicht mehr nur mit den Augen des Körpers zu sehen, durch ihr Ich (Ego), durch die Brille ihrer eigenen beschränkten Vorstellungen. Aufgrund der gereiften Urteilsfähigkeit kann die Seele mit dem geistigen Auge in ihrem bewegten Schicksal das göttliche Wirken erkennen. Zeus verleiht Psyche die Unsterblichkeit. Endlich kann sich die Menschenseele in ihrem irdischen Dasein für immer mit ihrem göttlichen Kern verbinden und damit die bedingungslose göttliche Liebe in der Welt verkörpern.

Soweit die Deutung des Mythos aus tiefenpsychologischer Sicht.

III. Partnerwahl und Erfahrungen in der Partnerschaft als Weg zu sich selbst

Alles, was Sie bisher gehört haben, spielt sich ja im Seelenleben eines einzelnen Menschen ab und beschreibt seine innere Entwicklung und Reifung. Was hat das nun mit uns und den Erfahrungen zu tun, die wir in unseren intensivsten Liebesbeziehungen machen ?

Nirgendwo sonst im Leben können wir Freude, Lust, Wonne so tief erleben und empfinden wie dort, wo wir lieben. Aber nirgendwo sonst können wir auch in Sekundenschnelle so tief in Trauer, Schmerz und Verzweiflung stürzen. In unseren Liebesbeziehungen erleben wir die absoluten Hoch- und Tiefpunkte unseres irdischen Daseins: himmelhochjauchzend – zu Tode betrübt.

Unbewußte Partnerwahl

Vor diesem Hintergrund möchte ich Ihnen zwei aus Beobachtungen in der Paartherapie hervorgegangene, also empirisch begründete Hypothesen vorstellen:

1.Wir suchen uns – unbewußt – einen solchen Liebespartner, der aufgrund seiner Eigenart und seines Verhaltens in der Lage ist, unsere tiefste und auch für uns selbst oft verborgene emotionale Wunde zu berühren.

2.Wir suchen uns – unbewußt – einen Liebespartner, der seine tiefste emotionale Wunde an der gleichen oder ähnlichen seelischen Stelle hat, aber eine diametral entgegengesetzte Art entwickelt hat, damit umzugehen.

Das heißt also, daß wir durch unsere Liebesbeziehungen früher oder später in Kontakt kommen mit allem, was wir in uns vergraben, verdrängt oder vermieden haben. Darin liegt die Chance zur Verarbeitung und Heilung.

Ich und Du als Spiegel

Folglich ist in allen Ich-Du-Beziehungen das Du ein Spiegel für das Ich und umgekehrt. Wann und wozu brauchen wir einen Spiegel? Wir brauchen einen Spiegel zur Betrachtung der Teile unserer selbst, die wir nicht unmittelbar sehen können (also z.B. für das Gesicht). Es gibt Teile des Seelenlebens, die uns bewußt sind und für die wir daher keinen Spiegel brauchen: Zum Beispiel fühle ich mich vielleicht traurig oder wütend oder gelangweilt. Und dann gibt es auch das, was uns nicht bewußt ist, obwohl es in uns wirkt und zu unserem Seelenleben dazugehört (der unsichtbare Teil des Eisbergs). Dafür brauchen wir einen Spiegel, wenn wir es sehen wollen, also wenn wir Bewußtheit wählen anstelle dumpfer Unbewußtheit. Wie der andere mir begegnet, das hat auch etwas mit mir zu tun. Solange ich allerdings glaube, daß das, was ich beim anderen sehe und ihm vielleicht vorwerfe, nur mit ihm und gar nichts mit mir zu tun hat, solange kann mir der Spiegel nichts nützen. Dann greife ich womöglich den Spiegel an, wenn mir das nicht gefällt, was ich darin sehe.

Resonanzprinzip

In Beziehungen wirkt das Resonanzprinzip: Verdrängt ein Mensch ein bestimmtes Gefühl (z.B. Ärger), so ist dieses Gefühl unterschwellig immer noch gegenwärtig und ruft entsprechende Gefühlsreaktionen bei den Kommunikationspartnern hervor: Ärger ruft Ärger, Trauer ruft Trauer hervor usw. („Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es zurück“).

Die Gefühle, die ich in mir selbst nicht zulasse, obwohl sie ja in mir sind, provoziere ich also unbewußt bei meinen Kommunikationspartnern, die eben diese Gefühle nun ihrerseits entweder auch nicht zulassen und mich deswegen meiden oder mich mit diesen Gefühlen konfrontieren.

Täter-Opfer-Dynamik

Oft entwickelt sich in Beziehungen eine Dynamik, die den einen in die Opfer-, den anderen in die Täterrolle treibt. Beide Rollen sind jedoch die zwei verschiedenen Seiten ein und derselben Medaille: das Opfer verdrängt seine aktive Täterseite aus dem eigenen Bewußtsein und projiziert sie auf geeignete Personen in der Außenwelt, der Täter verdrängt seine passive Opferseite aus dem eigenen Bewußtsein und projiziert sie auf geeignete Personen in der Außenwelt. So ziehen sich Opfer und Täter mit magnetischer Kraft gegenseitig an. Erst wenn das Opfer bereit ist, den Täter als Spiegel für seine eigene unbewußte Aggression zu sehen, und erst wenn der Täter bereit ist, das Opfer als Spiegel für seine eigene unbewußte Hilflosigkeit, seine Ohnmacht und sein Leiden zu sehen, kann der Teufelskreis, in dem Täter und Opfer gefangen sind, überwunden werden.

Projektion als Abwehrmechanismus

Der Projektionsvorgang wird anschaulich und verständlich am technischen Beispiel der Dia-Projektion. Es scheint so, als ob das Bild auf der Leinwand sei. Doch in Wirklichkeit steckt es im Dia-Projektor. Alles, was ein Mensch aus seinem Bewußtsein verdrängt, weil er es an sich und in sich nicht akzeptiert, projiziert er gleich dem Dia-Projektor nach außen auf einen anderen oder mehrere andere Menschen (die Leinwand). So erscheint es ihm, als sei das Abgelehnte nicht in ihm, sondern in dem oder den Anderen. Fast alles, was wir im zwischenmenschlichen Kontakt für Wahrnehmung halten, ist in Wahrheit Projektion, sagte einmal Fritz Perls, der Begründer der Gestalttherapie.

Eltern können im Kontakt mit ihren Kindern immer wieder die Erfahrung machen, wie das Kind die Schattenseiten des Erwachsenen widerspiegelt, die der Erwachsene an und in sich nicht haben und nicht wahrhaben will.

Nur das liebevolle Annehmen unserer Schattenseiten bringt uns wieder ins innere Gleichgewicht und ermöglicht uns den gelassenen und versönlichen Umgang mit den Menschen, die uns am nächsten stehen.

Geschrieben am 16.09.2017 um 13:53 Uhr in Weisheiten aus der Antike, heute noch aktuell!.

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