„Es ist ein Skandal, wie Frauen behandelt werden“

MARIA FURTWÄNGLER|

Maria Furtwängler: „Es ist ein Skandal, wie Frauen behandelt werden“

Schauspielerin Maria Furtwängler (48) hat mit ihrer Tochter auf den Philippinen das Malisa-Heim für junge Zwangsprostituierte gegründet. In der Entwicklungspolitik setzt sie sich mit der Kampagnenorganisation ONE als Botschafterin für Frauen und Mädchen ein

Foto: dpa Picture-Alliance
  • BILD am Sonntag
  • Von MARIA FURTWÄNGLER

Ich bin mir meines privilegierten Lebens bewusst, und versuche, mich nützlich zu machen, auf Ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen.

Mein besonderes Anliegen: die Stärkung von Mädchen und Frauen, die überall auf der Welt noch immer in einem Ausmaß Verachtung und Diskriminierung ausgesetzt sind, dass es ein einziger Skandal ist.

Dabei versuche ich erst gar nicht, objektiv zu sein, ich ringe nicht um Ausgewogenheit. Statistiken lese ich mit den Augen der Opfer.

 

1. Für Frauen ist körperliche und seelische Gewalt an der Tagesordnung

Es fing an mit einer Ohrfeige. Er entschuldigt sich, sie verzeiht, immer wieder. Der Ohrfeige folgten Tritte, folgten Prügel. Sie zog sich zurück, sie schämt sich. Sie ist die Freundin einer Freundin. Sie lebt jetzt in einem Frauenhaus, hat sich noch nicht entscheiden können, ihren Mann anzuzeigen. Anne ist Akademikerin. Eine Frau in Deutschland.

Fatima war acht Jahre alt, als man für sie und ihre Freundinnen in ihrem Heimatdorf in Kenia ein großes Fest feierte. Höhepunkt: die brutale Verstümmelung der weiblichen Genitalien. Die Mädchen sollen nie erfahren, was das ist: Lust. Lust ist Männersache. Fatima ist heute 16 und hat mir erzählt, wie ihre Mutter ihr damals die Beine auseinanderdrückte.

Fakten

Jede dritte Frau in Deutschland wird Opfer von häuslicher Gewalt. In 28 Ländern Afrikas sind über 90 Prozent der Frauen beschnitten.

2. Frauen werden missbraucht

Vergewaltigung in der Ehe ist ein Tabuthema. Es betrifft alle Bevölkerungsschichten. Pornografische Vergehen an Mädchen in der Verwandtschaft sind weit verbreitet und gelten oftmals als Kavaliersdelikt.

In vielen Entwicklungsländern werden Mädchen als Kinder verheiratet, meist an wesentlich ältere Männer. In unserem Heim auf den Philippinen hat mir ein Mädchen erzählt, dass ein Lehrer ihr bessere Noten „schenken“ wollte, wenn sie ihn mit dem Mund befriedigt.

3. Frauen werden wie Sklaven gehandelt

Deutschland ist der größte Umschlagplatz für den weltweiten Handel mit minderjährigen Mädchen, die zur Prostitution gezwungen werden. Unsere Gesetze machen das möglich.

Kinder aus Osteuropa, aber auch aus Afrika werden über Deutschland in die Bordelle Europas geschleust. Wenn sie nicht mehr „frisch“ sind, schickt man sie zurück in ihre Heimatdörfer, wo sie ausgegrenzt werden.

Fakten

Laut Bundeskriminalamt kommen 40 Prozent der Zwangsprostituierten in Deutschland aus Rumänien und Bulgarien. 6,9 Prozent aus Afrika, 21 Prozent sind Deutsche.

4. Frauen werden ausgebeutet

In den sogenannten Billiglohnländern in Asien, Osteuropa, Afrika werden Konsumprodukte wie Kleidung und Mobiltelefone unter menschenunwürdigen Arbeits- und Lebensbedingungen hergestellt. Am meisten leiden darunter Frauen und Mädchen. Näherinnen in den Textilfabriken in Bangladesch bekommen für zehn Stunden Akkordarbeit ungefähr 70 Euro Lohn im Monat.

Das ist sogar weniger als der dortige Mindestlohn vorsieht. Die Unternehmen halten sich einfach nicht daran, während ihre Profite steigen, und damit wir bei uns ein T-Shirt für 2,99 Euro kaufen können.

Fakten

Der deutsche Entwicklungsminister, Dr. Gerd Müller (59, CSU), hat jetzt ein Textilbündnis mit mehr als 60 Unternehmen und Organisationen gegründet, um die Ausbeutung in der Bekleidungsindustrie in den Griff zu bekommen.

5. Frauen sind die ärmsten Menschen der Welt

Obwohl Frauen und Mädchen rund die Hälfte der gesamten landwirtschaftlichen Arbeit in Entwicklungsländern leisten, wird ihnen der Zugang zu Saatgut, Düngemitteln, Landbesitz, Krediten und moderner Technologie verwehrt. Hätten Frauen die gleichen Chancen wie Männer, könnte sich Afrika selbst ernähren.

Ich bin froh, dass die Afrikanische Union erstmals von einer Frau geführt wird: Die Ärztin Dr. Dlamini-Zuma (66) kämpft wie Kanzlerin Merkel dafür, dass mehr Geld in die Frauen-Förderung investiert wird.

Fakten

In Entwicklungsländern investieren Frauen rund 90 Prozent ihres Einkommens in ihre Familien, damit es ihren Kindern eines Tages besser geht. Männer behalten in der Regel 60 bis 70 Prozent für ihre eigenen Bedürfnisse.

6. Frauen werden benachteiligt

Es ist ein Zeichen für die Herabsetzung von Frauen in unserer Gesellschaft, dass es überhaupt eine Diskussion um die Frauenquote in Karrierepositionen gibt. In vielen Branchen werden Frauen bei uns für dieselbe Arbeit und Leistung immer noch schlechter bezahlt als ihre männlichen Kollegen.

Ich finde es geradezu grotesk, dass die Koalition die Quote für Aufsichtsräte als Meilenstein der Gleichberechtigung feiert.

Dass Frauen und Mädchen in vielen Entwicklungsländern keinen gleichberechtigten Zugang zu Bildung und Gesundheitsfürsorge haben, ist da nur logisch. Schlechte Beispiele finden stets mehr Nachahmer als gute.

Fakten

Zwei Drittel der 796 Millionen Analphabeten auf der Welt sind Frauen.
 

Geschrieben am 11.03.2015 um 08:57 Uhr in Kluges für jeden Tag!.

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