IDEALE UND WERTE DER ANTIKE

Wie der Mensch seine Einzigartigkeit entdeckt und darstellt:

Unsere heutige westliche Kultur gründet auf der griechischen Antike – trotz Coca Cola und Rock’n Roll. Darin sind sich fast alle Historiker und Kulturwissenschaftler einig. Viele unserer bedeutsamsten Ausdrücke – Politik, Demokratie, Technik, Energie, Dynamik, Rhythmus – stammen aus dem Griechischen. Jahrhunderte lang wurde in Europa um die Durchsetzung bestimmter Ideale und Werte gerungen, die bereits vor 2.500 Jahren galten. In Gymnasien wird bis heute die „klassische, humanistische“ Bildung vermittelt.

Doch könnten Sie in einem Quiz auf Anhieb sagen, ob es zum Beispiel in der Blütezeit der griechischen Antike vor allem darum ging:

a) seinen Körper zu trainieren, um das Vaterland zu verteidigen und bei der Olympiade dabei zu sein?

b) Philosophie zu studieren, um ein Weiser zu werden?

c) als Kaufmann möglichst reich zu werden? d) den Göttern zu opfern und fromm zu sein? Darauf gibt es – ehrlich gesagt – keine so eindeutige Antwort wie bei den Quizfragen von Günter Jauch. Die erste Antwort trifft aber wohl am ehesten zu.

Kultur und Religion

Die „Wiege unserer Kultur“ mag in geistiger Hinsicht ein „Goldenes Zeitalter“ gewesen sein. Große Dichter von Homer bis Aischylos, große Philosophen wie Heraklit, Pythagoras, Sokrates, Platon, Aristoteles, große Bildhauer wie Kresilas, Polyklet oder Phidias (nach dem das Maß „Phi“ für den „goldenen Schnitt“, die idealen Maße von Körperproportionen, benannt wurde), große Politiker wie Perikles, der Athen zum kulturellen Zentrum machte und maßgeblich zur Demokratie beitrug.

Doch das antike Griechenland war nie in Frieden. Es gab ständig Kriege: zwischen den souveränen Stadtstaaten („Poleis“), die ab dem 8. Jahrhundert v. Chr. am Schwarzen Meer und im gesamten Mittelmeer von der heutigen Türkei über Nordafrika, Unteritalien bis Spanien entstanden, zwischen Athen und dem „Militärstaat“ Sparta und zwischen Athen und dem Großreich Persien. Aufgrund dieser ständigen Kriege dürfte der geschulte Krieger, der sich in den Statuen wohlproportioniert und muskulös und in den Epen und Dramen als furchtloser Held zeigt, an erster Stelle stehen – noch vor dem Philosophen oder Künstler, vor dem Kaufmann und vor dem Priester.

Im religiösen Bereich scheint es wenige Entsprechungen zu heute zu geben. Doch genauer besehen sind sie da – und zwar recht wirksam. Tiefenpsychologie und Film bringen sie an den Tag. Wir kennen noch einige Namen der griechischen Götterwelt: Zeus, der Göttervater auf dem Olymp, dem höchsten Berg Griechenlands. Wie die meisten anderen Götter auch mischt er sich gerne in die Schicksale der Menschen ein, schwängert die eine oder andere schöne Erden-Frau und beschwört so manches Drama, manche Tragödie herauf. Oder denken wir an Hades, den Gott des Todes, oder an die verführerische Aphrodite. Die griechischen Götter gelten in der heutigen Tiefenpsychologie als Archetypen. (Auch ein griechisches Wort.)

Dann kennen wir Helden wie den listigen Odysseus, den unverwundbaren Achilles oder den starken Herakles. Sie sind stets mit den Göttern verbunden, mal verbündet, mal verfeindet. Die Götter repräsentieren äußere und innere Kräfte, mit denen sich jeder von uns im Leben auseinandersetzen muss. Das wurde und wird uns in den beiden Grundformen des Dramas, der Tragödie und der Komödie vermittelt. Wir mögen es nicht glauben – aber das ist unser religiöses Erbe aus der griechischen Antike! Heute wird die dramatische Form leider meist zur täglichen Unterhaltung im Fernsehen verbraucht.

Das Christentum hat sich der Tradition bemächtigt, hat versucht, alles irgendwie umzudeuten. Doch der Kern ist geblieben. Der Kern heißt: „Ich bin frei und werde es bleiben!“ Wohlgemerkt: Ich bin frei, und nicht: Ich erkämpfe oder erhoffe oder erbitte die Freiheit! So einer wie der Sklave Spartakus, der im späteren Rom für seine Befreiung kämpft, war im Athen zur kulturellen Blüte um 440 v. Chr. nicht denkbar. Man hoffte auch nicht auf einen Erlöser wie Buddha oder Christus. Das kam später.

Die klassische Kunst

Die Zeit der Antike reicht etwa von 800 v. Chr. bis 600 n. Chr. Manche Historiker beziehen auch vorderorientalische Kulturen wie Ägypten und Babylon (ab 3.500 v. Chr.) oder zumindest die minoische (Kreta, ca. 2000 – 1.500 v. Chr.) und die mykenische Kultur (ca. 1.500- 1.000) mit ein. Ich möchte jedoch jene Periode beleuchten, die allgemein als die Blüte der griechischen Antike gefeiert wird: das 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. In dieser Zeit lehrten in Athen Sokrates und Plato, Bildhauer und die bedeutendsten Künstler waren am Werk.

Jeder, der eine Statue aus dieser Zeit sieht, wird zugeben: Die sieht erstaunlich naturgetreu und echt aus. Wie aus dem Leben gegriffen! Da stimmt einfach jede Falte des Gesichts und des Gewands. Doch mehr noch: Die künstlerische Darstellung scheint die Natur übertreffen zu wollen. Im Gesicht, in der gesamten Haltung, auch und gerade im Moment der Bewegung, wird etwas Zeitloses deutlich, wie ein Hauch aus einer anderen Dimension.

Hier ist nicht nur ein Körper abgebildet, sondern – schwer greifbar – auch das, was ihn belebt, beseelt. Bei den Darstellungen der Athleten geht es nicht – wie in heutigen Frauenmagazinen – um den Waschbrettbauch und den knackigen Hintern, sondern um die unsichtbaren Kräfte hinter der Bewegung, um das Prinzip des Lebens selbst. Es geht um die Harmonie von Körper und Geist.

Häufig wird das als „Ideal“ bezeichnet. Sicher, dahinter steckt eine Idee, eine Philosophie, eine Vorstellung von Werten . Doch sie wird sinnlich erfahrbar gemacht. Der Geist schwebt nicht frei herum, sondern manifestiert sich in der Haltung des Körpers als Entschlossenheit und Achtsamkeit. Und bei den weiblichen Figuren und Gesichtern werden Qualitäten wie Anmut, Fürsorge und Liebe herausgestellt. Das wurde und wird auch heute noch als Schönheit empfunden – in ihrer männlichen und ihrer weiblichen Erscheinungsform. Vergleichen wir nun einmal die Gesichter von Sokrates, Aristoteles und Perikles: Wie unterschiedlich sie aussehen! Jeder hat sein unverwechselbares Gesicht. Und das sind drei von Hunderten, Tausenden von Gesichtern, die als Plastiken erhalten sind. Und jedes ist einzigartig. Nicht nur in seiner Physiognomie, sondern auch in seinem Ausdruck. Sokrates scheint zu staunen, Aristoteles nachzudenken und Perikles – ganz Politiker – siegesgewiss.

Die Römer ahmten diese Kunst der scheinbar realistischen und zugleich ideell überhöhten Darstellung perfekt nach. Und sie nutzten, stärker als die Griechen, die Stilisierung als Propagandaeffekt. Ein berühmtes Beispiel dafür ist die Darstellung von Kaiser Augustus mit dem übergroßen, in eine glorreiche Zukunft weisenden ausgestreckten Arm. Davon wurden im römischen Reich zahllose Kopien aufgestellt – vergleichbar heutigen Werbeplakaten bei Wahlen etc.

Individuelle Freiheit

Was wollten die alten Griechen vermitteln? Was war ihre Wahrheit? Die Vorstellungen waren auch damals schon sehr unterschiedlich, auch wenn wir heute im Stil antiker Kunstwerke viel mehr Gemeinsamkeiten sehen als etwa in denen unserer zeitgenössischen Kunst. Es gab Materialisten und Idealisten, den Sinnen frönende „Hedonisten“ und disziplinierte Asketen, Atheisten und Mystiker, Kritiker und Konformisten, Außenseiter und Stars – genau wie heute auch. Und diese Vielseitigkeit und Möglichkeit der eigenen Lebensgestaltung und des individuellen Ausdrucks ist womöglich das Kennzeichen der Antike – in der Kulturgeschichte des Menschen nicht selbstverständlich. Sie war damals gegeben und ist es heute wieder.

Verschiedene, ja widerstreitende philosophische und religiöse Auffassungen konnten in der griechischen Antike meist zusammen existieren. Nachdem Alexander der Große das Reich bis Indien ausgedehnt hatte, wurde diese Toleranz ein Merkmal des „Hellenismus“. Viele Religionen und Kulte kamen da zusammen. Ein Beispiel dafür ist die Darstellung des meditierenden Buddha im Gandhara- Stil, der auf der griechischen Kunst basiert.

Erst bei der neu aufkommenden „Sekte“ der Christen kam es unter der römischen Herrschaft zu den grausamen Verfolgungen. Wohl keine andere religiöse Gruppierung lehnte die Götteranbetung (und alle anderen religiösen Richtungen) so radikal ab und führte ja auch schließlich zum Ende der Epoche der Antike. Zugleich war die später daraus folgende Kirche aber weise genug, nicht alles Vorhergehende zu vernichten, sondern, wenn auch meist in ideologischer Umdeutung, getreu zu erhalten. So konnten die Renaissance, die Klassik und die Aufklärung das Erbe aufgreifen und bis heute wieder beleben.

Geschrieben am 03.07.2014 um 20:35 Uhr in Weisheiten aus der Antike, heute noch aktuell!.

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